Wurzeln und Flügel

Wie unser Leben reicher wurde

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Eiliger Einling, zweites Kind, 2013

Unser zweites Kind hatte es eilig, auf die Welt zu kommen. Bereits acht Wochen vor dem errechneten Termin kündigte er sich durch vorzeitige Wehen und spürbaren Druck auf den Muttermund an. Ich war sehr besorgt. Zwar wusste ich, dass dank der modernen Medizin viele Frühchen heutzutage überleben. Jedoch wusste ich auch, dass viele Frühchen später Probleme mit Augen und Lunge bis hin zu manchen Behinderungen haben. Eltern haben kein Recht auf ein gesundes Kind, trotzdem wünschte ich mir für unser Kind den bestmöglichen Start ins Leben. Während die Frauenärztin meinte, das Kind wäre schon fast reif, ich solle mir keine Gedanken machen, riet mir meine Vertretungshebamme (meine eigentliche Hebamme war zu der Zeit für mehrere Wochen in Urlaub) zu strikter Bettruhe. Aus oben genannten Gründen und weil ich mein zweites Kind unbedingt zu Hause entbinden wollte, hielt ich mich an den Rat der Hebamme. Die Großeltern betreuten den Großen in dieser Zeit. Und ich schloss einen Vertrag mit dem Kleinen ab, dass er selbst aussuchen darf, wann er kommen will. Dafür soll er nur noch bis mindestens zur 37+0 Schwangerschaftswoche warten.

Die 37+0 kam und ging, ohne dass etwas passierte. Die 38+0 kam, ich hatte immer mal wieder Vorwehen, die nach spätestens 45 Minuten verschwanden. An 38+3 trafen meine frisch vom Urlaub zurück gekehrte Hebamme und ich uns zum Vorsorgetermin. Am selben Abend besuchte ich den Geburtsvorbereitungskurs, den ihre Vertreterin leitete. Ich witzelte zum Abschied, dass ich mich bei ihr melden würde, wenn das Kindchen sich am Wochenende auf den Weg machen sollte, denn meine eigentliche Hebamme hatte ihr dienstfreies Wochenende. Sie sagte lächelnd: „Du siehst nicht so aus, als würdest Du in den nächsten Tagen Dein Kind gebären.“. Der Satz kam mir bekannt vor. „Na, sag das lieber nicht. Das meinte Deine Kollegin auch zu mir am Tag, bevor mein erstes Kindchen kam.“

Am folgenden Morgen, ich schlief die ganze Nacht schon unruhig, wurde ich um kurz vor fünf Uhr von ersten Wehen geweckt. Ich ging ins Badezimmer, um Mann und Kind mit meinem Tönen nicht zu stören. Irgendwie dachte ich über eine Stunde, dass das bestimmt Vorwehen seien, die auch wieder verschwinden würden. Gegen sechs Uhr weckte ich meinen Mann und informierte ihn über meinen Zustand. Er fragte schlaftrunken: „Wehen, was soll ich denn jetzt machen?“ Bei klarem Kopf erinnerte er sich daran, dass er Hebamme und Kinderbetreuung organisieren könnte. Wenn nur die Hebammen ans Telefon gingen… Ich war zu beschäftigt, um mich aufzuregen. Doch mein Mann war in dieser Situation ganz schön nervös. Verständlicherweise. Die Hausgeburt war mein Wunsch gewesen, aber ohne fachliche Hilfe für den Notfall hatten wir uns beide das nicht gedacht. Zum Glück hatte unsere Hebamme wie sie selbst sagte eine Eingebung. Sie war früher auf als gewöhnlich aufgestanden, sah, dass ihr Handy nicht funktionierte und auf ihrem Anrufbeantworter vom Festnetz, dass wir angerufen hatten. Sie rief uns zurück und erklärte, dass sie sich gleich auf den Weg machen würde. Gegen sieben Uhr trafen Hebamme und Kinderbetreuung gleichzeitig ein. „Wenn dein Großer weg ist, kannst Du gleich richtig loslegen!“ feuerte sie mich freudig an. Ich war von der kurzen, anstrengenden Nacht einfach nur müde und wollte mich nochmal hinlegen, bevor es zum Endspurt ging. Das tat ich dann auch im verdunkelten Schlafzimmer mit schönem, rötlichem Licht einer Salzkristalllampe – für die Dauer von genau zwei Wehen.

Plötzlich wurde der Schmerz so stark, dass ich nicht mehr länger liegen konnte. Mein Mann hatte bis jetzt alles aus der Ferne mitgehört. Die Veränderung bekam er mit und gesellte sich still zu uns ins Schlafzimmer. Ich kniete mich vor das Bett, wie meine Hebamme vorschlug. Das war jedoch nichts für mich. Ich hielt mich lieber an der Kommode fest und ging in die Hocke. Vermutlich habe ich an dieser Stelle einen kleinen Filmriss. In meiner Erinnerung platzte kurz darauf die Fruchtblase. Ein warmer Schwall ergoss sich über meine Beine und den mit Malervlies abgedeckten Fußboden. Eine heftige Wehe später guckte der Kopf raus. Noch eine heftige Wehe später plumpste das neue Menschenkindlein auf den Boden. Um 8:15 Uhr.

Lange habe ich auf ihn gewartet, drei Stunden hart gearbeitet. Und doch konnte ich es nicht fassen: er ist da. Erstmal konnte ich ihn nur staunend in Stille betrachten.

Das hätte ich auch noch länger gemacht, wenn meine Hebamme nicht gesagt hätte: „Du kannst ihn hochnehmen, er ist fit!“ „Ja schon“, dachte ich mir, „aber wie denn? Er ist so winzig und glitschig.“ Irgendwie halfen mir mein Mann und Hebamme zusammen mit unserem neuen Menschenkindlein ins Bett zu kommen. Nach der Nachgeburt, U1 und Nähen verabschiedete sich die Hebamme. Das große Kuscheln konnte beginnen.

L1070624

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