Wurzeln und Flügel

Über das Schweigen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen

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Ab wann ist ein Mensch ein Mensch? So genau weiß es niemand. Doch die katholische Kirche gibt eine sehr klare Antwort und begründet darin ihr Verbot zur Abtreibung: ab der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Ab dann ist ein Lebewesen entstanden, welches das gesamte Potential besitzt ein Mensch zu werden.

Wie komme ich darauf? Ein neues Sternenkind wurde geboren. Das Herz hatte in der 10. Schwangerschaftswoche aufgehört zu schlagen. Äußerlich war es meiner Freundin nicht anzumerken, dass sie guter Hoffnung war. Weder trug sie Bäuchlein, noch ein Schild auf der Stirn mit der Aufschrift: SCHWANGER. Vielleicht ist es deshalb für Außenstehende schwierig mit der Trauer einer Frau umzugehen, die in den ersten Wochen ihr Kind verloren hat. Es ist nicht sichtbar, nicht greifbar. Zu dem Zeitpunkt ist es noch kein Kind, höchstens ein Zellklümpchen, sagen viele. Ich glaube jedoch, dass viele Frauen in den ersten Schwangerschaftswochen so empfinden wie die Kirche und das Potential des Menschen sehen.

Gleichzeitig schwebt das Damoklesschwert der ersten zwölf Schwangerschaftswochen über einer Schwangeren. Es bedeutet ihr zu schweigen, denn Fehlgeburten sind häufig. Da darf man sich nicht freuen. Oder zumindest nicht nach außen. Bis vor wenigen Wochen war ich ziemlich irritiert, wenn Schwangere meist aus anderen Ländern mir kurz nach dem Schwangerschaftstest den errechneten Termin verkündeten. Für mich war das Kind noch nicht ausgetragen, also noch unsicher. Heute denke ich, warum nicht sich über ein „vielleicht“ freuen?

Ob frau ihr süßes Geheimnis nun preisgibt oder nicht, ist jeder selbst überlassen. Jedoch ist die Trauer beim Verlust nicht kleiner, je kleiner das Kind ist. Die Trauer ist nicht weniger, wenn es das 1., 3. oder 5. Kind ist. Wenn ich weiß, dass es mir gut tut, mich in meiner Trauer mitzuteilen, dann möchte ich ebenso die Freude teilen.

Hiermit schicke ich also das Schweigen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen „zum Donnerdrummel“.

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3 Kommentare zu “Über das Schweigen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen

  1. Für mich ist es ein Lebewesen ab dem zeitpunkt, wo man das Herz schlagen sieht auf dem Ultraschall, …

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  2. Ein bißchen schwanger gibt es nicht. Entweder oder. Dennoch habe ich bei meinen Schwangerschaften erst wirklich außerhalb der engsten Familie nach den 12 Wochen erzählt, einfach weil die Fehlgeburtsrate recht hoch ist. Ich denke, heute sind die Möglichkeiten der Frühschwangerschaftstest in der Form schwieriger, weil fast die Hälfte aller Schwangerschaften in den ersten Tagen der Befruchtung abgehen – und die Frau weiß schon davon. Früher wäre die Regel einfach ein paar Tage später gekommen, heute wissen die Frauen, daß sie schwanger waren. Es macht sehr viel mehr Druck. Im genannten Falle ist es hingegen sehr traurig, weil die kritische Phase fast zu ende war.

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    • Das stimmt, Frau B. Die Schwangerschaftstests sind viel weiter entwickelt als vor wenigen Jahren. Und technischer Fortschritt ist nicht immer gleichbedeutend mit einer Verbesserung für den Menschen.
      Beim Verkünden der frohen Botschaft würde ich noch differenzieren. Meinem Chef würde ich nicht in den ersten zwölf Wochen über meine Schwangerschaft informieren – es sei denn, die Tätigkeit z.B. mit Chemikalien oder Strahlen könnte das Kind gefährden. Doch nach jetzigem Stand würde ich mehr Menschen an meiner Freude teilhaben lassen, als ich es bislang gemacht habe.

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