Wurzeln und Flügel

Nachbarschaftsplausch über Vereinbarkeit

2 Kommentare

Bei einem nachmittäglichen Plausch auf dem Spielplatz erzählte mir mein Nachbar, der stolz die Kinder hütete, weil die Mutter auf Dienstreise war, dass es halt so sei, dass in einer Familie einer einen Job hätte, mit dem die Kinderbetreuung eher vereinbar wäre. Und den hätten meist die Frauen. Skandinavien als Vorbild für Vereinbarkeit wäre im Übrigen nur ein Trugbild. Kinder und Karriere zugleich ginge nicht, was er aus seiner Erfahrung heraus als Personaler und Jurist in einem großen Unternehmen so behaupten könne. Wenn Frauen Kinder wollen und deswegen mehrere Jahre aus der Arbeitswelt aussteigen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn der Wiedereinstieg schwierig wird. Das ist ihre Entscheidung, genau wie sich niemand einen problemlosen Wiedereinstieg nach einer sechsjährigen Weltreise erwarten darf. Außerdem könnten Frauen ja die Kinder so planen, dass sie beispielsweise während des Studiums zur Welt kommen und während der Berufseinstiegs- oder Berufsaufstiegsphase schon groß sind.

Dieses freundliche, kurze Gespräch hat in mir so viel Ärger hervorgerufen, dass ich fast verstummt bin. Aber nur fast.

 

Lieber Herr Nachbar,

in der Regel wissen werdende Eltern, insbesondere die Frauen, nicht, was auf sie mit dem Elternsein zukommt. Oder sie denken optimistisch: „Ich bin gut qualifiziert, habe ein bischen Berufserfahrung, das wird schon“. Einen neuen Job in Teilzeit als junge Mutter zu finden ist meiner Erfahrung nach alles andere als einfach. Dabei habe ich acht Monate nach der Geburt meines ersten Sohnes meine Stellensuche deutschlandweit aufgenommen – und nicht erst sechs Jahre später. Und dass es immer schwieriger wird, etwas zu finden, je länger man „draußen“ ist, kann ich mir gut vorstellen. Hinderlich war in der Bewerbungsphase die fehlende qualitativ gute und flexible Kinderbetreuung. In diesem Punkt sind wir gerne bereit mehr zu zahlen, jedoch nicht soviel, dass ein komplettes (noch nicht vorhandenes) Gehalt für die Kitakosten drauf geht. Als mein Großer ca. 18 Monate alt war überlegten wir uns, dass wir noch ein zweites Kind haben wollten und schwups waren drei Jahre Auszeit vom Beruf vorbei geflogen. Eine Elternzeit in diesem Ausmaß war nie geplant gewesen, keine bewusste Entscheidung und daher nicht vergleichbar mit jemandem, der bewusst auszieht, um ein paar Jahre um die Welt zu touren und ein bischen zu chillen.

Frauen wollen nicht alleine Kinder haben. In der Regel ist da noch eine zweite Person beteiligt. Den passenden und aufgeschlossenen Partner früh zu finden und sich direkt um eine eigene Familie zu bemühen, ist heutzutage meines Erachtens nicht unmöglich, aber sehr unwahrscheinlich. Die Adoleszenz verlängert sich weit in die 20er, so dass häufig in dem Alter noch kein Lebensentwurf steht. Mein Mann und ich hatten das Glück, dass unsere Kinder zu uns gekommen sind, als wir sie uns wünschten. Doch wirklich planen lassen sich Kinder nicht.

Ich will es nicht akzeptieren, dass Männer automatisch den besser bezahlten und sicheren, unbefristeten Job bekommen. Ich will nicht unbedingt Karriere machen, aber ich will eine meinen Fähigkeiten entsprechende, sinnvolle und verantwortungsvolle Aufgabe – auch in einer Teilzeitposition. Und dasselbe hätte ich gern für meinen Mann, damit wir uns beide um die Kinder kümmern können. Gleiche Arbeit – gleiches Gehalt. Das wäre nur fair.

 

Hattet Ihr auch schon solche Gespräche über Vereinbarkeit? Wie seid Ihr damit umgegangen?

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2 Kommentare zu “Nachbarschaftsplausch über Vereinbarkeit

  1. der gute Mann stellt sich das Thema im Studium Kind bekommen ja einfach vor. ich stelle mir gerade vor wie ich in einer der überfüllten Vorlesungssäle mit meiner Tochter sitze, oder während der Klausur frage, ob ich kurz zum Stillen nach draußen darf 😉

    Und zum Thema Teilzeitjob der zu einem passt: mein Mann und ich wünschen uns auch ein System, in dem beide mit verringerter Stundenzahl arbeiten und Zeit für den Nachwuchs haben. Und vor allem wünschen wir uns eine Stadt, in der ein städtischer Kitaplatz nicht 200 „Mitbewerber“ bedeutet oder ein privater über 1000 Euro kostet. Wie soll das klappen?

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  2. Pingback: #bloggerhausen Teil 2: Drei auf einen Streich | mama mit macken

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