Wurzeln und Flügel


Ein Kommentar

Blogparade #Familienalbum: meine Geburt in den 70ern

Kaum per Kaiserschnitt geboren, wurde ich gewaschen, vermessen, angezogen und ins eigene Bettchen gelegt. Rooming-in war noch nicht so verbreitet. Zum Glück gab es so schicke Armbändchen, damit man nicht vertauscht wurde.

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Meine Mutter erzählte, dass eine Begleitung durch Hebammen leider nicht verbreitet war. Unter anderem fürs Stillen hätte sie gut Hilfe gebrauchen können. Aus Angst, dass ich es nicht schaffe, gab es das Fläschchen.

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Aus mir ist trotzdem etwas geworden. Dennoch wünsche ich mir, dass der Berufsstand der Hebammen erhalten bleibt und gefördert wird. Sie sind wichtig bei der Vorbereitung auf die Geburt, der Geburt selbst, Nachsorge, Stillen und Säuglingspflege. Mütter sollen die Wahl haben können und nicht aus Angst heraus handeln müssen.

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Mütter – drei Generationen.

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Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade #Familienalbum: unsere Kindheit der 70er und 80er Jahre von Frau Mutter.

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Wie unser Leben reicher wurde

Eiliger Einling, zweites Kind, 2013

Unser zweites Kind hatte es eilig, auf die Welt zu kommen. Bereits acht Wochen vor dem errechneten Termin kündigte er sich durch vorzeitige Wehen und spürbaren Druck auf den Muttermund an. Ich war sehr besorgt. Zwar wusste ich, dass dank der modernen Medizin viele Frühchen heutzutage überleben. Jedoch wusste ich auch, dass viele Frühchen später Probleme mit Augen und Lunge bis hin zu manchen Behinderungen haben. Eltern haben kein Recht auf ein gesundes Kind, trotzdem wünschte ich mir für unser Kind den bestmöglichen Start ins Leben. Während die Frauenärztin meinte, das Kind wäre schon fast reif, ich solle mir keine Gedanken machen, riet mir meine Vertretungshebamme (meine eigentliche Hebamme war zu der Zeit für mehrere Wochen in Urlaub) zu strikter Bettruhe. Aus oben genannten Gründen und weil ich mein zweites Kind unbedingt zu Hause entbinden wollte, hielt ich mich an den Rat der Hebamme. Die Großeltern betreuten den Großen in dieser Zeit. Und ich schloss einen Vertrag mit dem Kleinen ab, dass er selbst aussuchen darf, wann er kommen will. Dafür soll er nur noch bis mindestens zur 37+0 Schwangerschaftswoche warten.

Die 37+0 kam und ging, ohne dass etwas passierte. Die 38+0 kam, ich hatte immer mal wieder Vorwehen, die nach spätestens 45 Minuten verschwanden. An 38+3 trafen meine frisch vom Urlaub zurück gekehrte Hebamme und ich uns zum Vorsorgetermin. Am selben Abend besuchte ich den Geburtsvorbereitungskurs, den ihre Vertreterin leitete. Ich witzelte zum Abschied, dass ich mich bei ihr melden würde, wenn das Kindchen sich am Wochenende auf den Weg machen sollte, denn meine eigentliche Hebamme hatte ihr dienstfreies Wochenende. Sie sagte lächelnd: „Du siehst nicht so aus, als würdest Du in den nächsten Tagen Dein Kind gebären.“. Der Satz kam mir bekannt vor. „Na, sag das lieber nicht. Das meinte Deine Kollegin auch zu mir am Tag, bevor mein erstes Kindchen kam.“

Am folgenden Morgen, ich schlief die ganze Nacht schon unruhig, wurde ich um kurz vor fünf Uhr von ersten Wehen geweckt. Ich ging ins Badezimmer, um Mann und Kind mit meinem Tönen nicht zu stören. Irgendwie dachte ich über eine Stunde, dass das bestimmt Vorwehen seien, die auch wieder verschwinden würden. Gegen sechs Uhr weckte ich meinen Mann und informierte ihn über meinen Zustand. Er fragte schlaftrunken: „Wehen, was soll ich denn jetzt machen?“ Bei klarem Kopf erinnerte er sich daran, dass er Hebamme und Kinderbetreuung organisieren könnte. Wenn nur die Hebammen ans Telefon gingen… Ich war zu beschäftigt, um mich aufzuregen. Doch mein Mann war in dieser Situation ganz schön nervös. Verständlicherweise. Die Hausgeburt war mein Wunsch gewesen, aber ohne fachliche Hilfe für den Notfall hatten wir uns beide das nicht gedacht. Zum Glück hatte unsere Hebamme wie sie selbst sagte eine Eingebung. Sie war früher auf als gewöhnlich aufgestanden, sah, dass ihr Handy nicht funktionierte und auf ihrem Anrufbeantworter vom Festnetz, dass wir angerufen hatten. Sie rief uns zurück und erklärte, dass sie sich gleich auf den Weg machen würde. Gegen sieben Uhr trafen Hebamme und Kinderbetreuung gleichzeitig ein. „Wenn dein Großer weg ist, kannst Du gleich richtig loslegen!“ feuerte sie mich freudig an. Ich war von der kurzen, anstrengenden Nacht einfach nur müde und wollte mich nochmal hinlegen, bevor es zum Endspurt ging. Das tat ich dann auch im verdunkelten Schlafzimmer mit schönem, rötlichem Licht einer Salzkristalllampe – für die Dauer von genau zwei Wehen.

Plötzlich wurde der Schmerz so stark, dass ich nicht mehr länger liegen konnte. Mein Mann hatte bis jetzt alles aus der Ferne mitgehört. Die Veränderung bekam er mit und gesellte sich still zu uns ins Schlafzimmer. Ich kniete mich vor das Bett, wie meine Hebamme vorschlug. Das war jedoch nichts für mich. Ich hielt mich lieber an der Kommode fest und ging in die Hocke. Vermutlich habe ich an dieser Stelle einen kleinen Filmriss. In meiner Erinnerung platzte kurz darauf die Fruchtblase. Ein warmer Schwall ergoss sich über meine Beine und den mit Malervlies abgedeckten Fußboden. Eine heftige Wehe später guckte der Kopf raus. Noch eine heftige Wehe später plumpste das neue Menschenkindlein auf den Boden. Um 8:15 Uhr.

Lange habe ich auf ihn gewartet, drei Stunden hart gearbeitet. Und doch konnte ich es nicht fassen: er ist da. Erstmal konnte ich ihn nur staunend in Stille betrachten.

Das hätte ich auch noch länger gemacht, wenn meine Hebamme nicht gesagt hätte: „Du kannst ihn hochnehmen, er ist fit!“ „Ja schon“, dachte ich mir, „aber wie denn? Er ist so winzig und glitschig.“ Irgendwie halfen mir mein Mann und Hebamme zusammen mit unserem neuen Menschenkindlein ins Bett zu kommen. Nach der Nachgeburt, U1 und Nähen verabschiedete sich die Hebamme. Das große Kuscheln konnte beginnen.

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Wie unser neues Leben begann

Einling, erstes Kind, 2011

„Du siehst nicht so aus, als würdest Du in den nächsten Tagen Dein Kind gebären. Wahrscheinlich kommt es um den errechneten Termin herum.“ Mit diesen Worten entließ mich meine Hebamme aus der Vorsorgeuntersuchung. (Interessanterweise hörte ich den Satz ein zweites Mal einen Tag vor der Geburt meines zweiten Kindes. Doch das ist eine andere Geschichte.) Daraufhin entschloss ich mich, meine Ungeduld abzulegen und die Zeit bis dahin noch mal richtig zu genießen. Ich verabredete mich mit Freunden und kaufte Karten für die Oper.

Am nächsten Morgen im Café bei einem spontanen Frühstück mit zwei Freundinnen hatte ich ein ungewöhnliches Gefühl im Schlüpfer, maß dem jedoch keine Bedeutung bei. Im Nachhinein betrachtet, muss zu diesem Zeitpunkt der Schleimpfropf abgegangen sein. Abends zu Hause, fühlte ich mich plötzlich mit dem Läuten der 20-Uhr-Nachrichten inkontinent. Da es relativ viel Flüssigkeit war, die stetig aus mir heraus floss, habe ich mich an die Möglichkeit des Vorzeitigen Blasensprungs erinnert und sofort die Hebamme angerufen. Glücklicherweise hatte ich tags zuvor den Rufbereitschaftsvertrag mit ihr abgeschlossenen. Sie wollte um 22 Uhr zu uns nach Hause kommen. Die Zeit bis dahin konnte sich keiner von uns zukünftigen Eltern auf den laufenden Film konzentrieren. Wir waren voller Vorfreude, Aufregung und Ungewissheit, was uns in den kommenden Stunden erwarten würde. Ein bisschen wie Weihnachten und mündliches Examen zusammen. Wie angekündigt traf die Hebamme bei uns ein, untersuchte mich und setzte mir noch Akupunkturnadeln. Eine Stunde später verließ sie uns wieder, nicht ohne uns darauf hinzuweisen, dass wir uns am besten schlafen legen sollten. Falls in der Nacht nichts passieren sollte, müssten wir gut frühstücken und wegen des Infektionsrisikos am Morgen in die Klinik fahren.

Die Türe fiel ins Schloss. Stille. Wir legten uns ins Bett, doch an Schlafen war nicht zu denken. Die erste Wehe überrollte mich mit einer unvorhergesehenen Kraft. „Wenn das erst der Anfang ist, wie soll ich das überstehen!“ sagte ich zu meinem Mann. Vermutlich habe ich ihn damit ziemlich verunsichert. Wir hatten im Vorfeld viel diskutiert, weil ich möglichst selbstbestimmt, am liebsten im Geburtshaus oder zu Hause gebären wollte und ihm medizinische Sicherheit wichtig war und damit das Krankenhaus seine erste Wahl war. Als wir von dem relativ neuen, Hebammen geleiteten Kreißsaal erfuhren, waren wir beide dankbar und glücklich, dass es so etwas gibt, denn es war für uns die beste Alternative. Im Liegen konnte ich den Wehen nicht begegnen, also gingen wir ins Badezimmer. Dort begann ich zu tönen. Mein Mann stimmte mit ein, doch irgendwann störte mich alles, jeder Ton und jede Berührung. Ich wollte, ich musste allein da durch. Er konzentrierte sich von da an mehr auf die Stoppuhr, die er bereit gelegt hatte. Ich hatte kein Zeitempfinden mehr und befand mich in meiner Wehenwellenwelt. Ganz unerwartet entleerte sich mein Körper nach unten und oben. Für einen Moment trauerte ich dem arbeitsintensiven und teuren Bio-Spargel hinterher, den wir uns zum Abendessen gegönnt hatten und der nun langsam das Waschbecken hinunter floss. Doch mit der nächsten Wehe war ich wieder in meiner Welt.

Gegen ein Uhr veränderte sich mein Tönen unwillkürlich in einen kehligen Laut, durchaus hörbar für meinen Mann. Er rief die Hebamme an, die sich dies am Telefon anhörte und danach sofort zu uns fuhr. Eine kurze Untersuchung – „Ah, wie soll ich mich hinlegen? Mein Körper sagt mir etwas anderes!“ Aber es ging in einer Wehenpause dann doch. Nun wollten wir uns wie besprochen zusammen in den Hebammenkreißsaal begeben. Die Kliniktasche war gepackt und stand bereit. Normalerweise mache ich kein großes Aufheben um meine Kleidung, doch ich fragte: „Was soll ich denn anziehen?“ Als diese Frage geklärt war, stieg ich in das Hebammenauto ein und mein Mann fuhr mit unserem Auto hinterher. Es war eine schöne Fahrt durch den Wald, bis auf die Tatsache, dass ich nicht pressen durfte, denn die Hebamme wollte nicht, dass das Kindchen in ihrem Auto auf die Welt kommt. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Mich beschäftigte eher wie man etwas unterlassen soll, wenn man etwas nicht willentlich steuern kann? Auf dem Klinikgelände angekommen, nahm ich als erstes die großen Bäume und die kühle Luft der lauen Sommernacht im Frühling wahr. Wie schön die Welt sein kann!

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Der Weg in den Kreißsaal jedoch, erschien mir unendlich. Ein paar Stufen, helle Empfangshalle, Aufzug – was ist, wenn er stecken bleibt? Ach ja, meine Hebamme ist zum Glück dabei! – ein langer weißer Gang, endlich angekommen. Die Diensthabende Hebamme hatte schon, wie in der Vorbesprechung festgehalten, Wasser in die Gebärwanne eingelassen und begrüßte uns. Die Fachfrauen kannten sich und unterhielten sich kurz. Danach fragte meine Hebamme, ob es in Ordnung wäre, wenn sie dabei bliebe. Natürlich, gerne! Beide beobachteten mich eine Weile. Die Diensthabende bot mir die Wanne und danach unterschiedliche Stellungen an. Nach Wasser war mir im Moment nicht. Auf dem Gebärhocker wusste ich nicht wie ich mich halten sollte. Im Vierfüßlerstand ging es einigermaßen. Am wohlsten fühlte ich mich in der Hocke, ich musste einfach nur meinem Körper folgen. Ich spürte die Anwesenheit meines Mannes, auch wenn er nichts tat, war es gut, dass er da war.

Zwischendurch fragte die Diensthabende, ob die Hebammenschülerin an der Geburt als Statistin teilnehmen dürfte. Ich konnte nicht antworten, weil ich keinen Kopf für solche Fragen hatte. Im Endeffekt wäre es mir wahrscheinlich egal gewesen, doch ohne klare Zustimmung wurde die Hebammenschülerin nicht herein gelassen. Als zwischenzeitlich bei der Überprüfung der kindlichen Herztöne kein Signal zu finden war, blickte ich in drei besorgte Gesichter. Ich blieb seltsamerweise ruhig, denn ich war mir sicher, dass mein Kind lebt. Nach der nächsten Wehe war das Signal wieder da. Jetzt bot mir die Diensthabende noch mal an, in die Gebärwanne zu steigen. Ich gab meine Zustimmung und kletterte mit ihrer Hilfe rein. Das Wasser war mir jedoch viel zu warm. „Kälter, kälter, bitte kälter!“ rief ich. Bis sie meinte, dass es nicht kälter ginge, weil es sonst fürs Baby beim Austritt zu kalt werden würde. Nach einiger Zeit des Ankommens im Wasser wurde ich ungeduldig und wollte endlich mein Kind haben. Also presste ich mit vollem Körpereinsatz – Endspurt sozusagen. In den Wehenpausen bekam ich Wadenkrämpfe und wurde von den beiden Hebammen massiert. Eine rechts, eine links wie bei einem sportlichen Ereignis.

Um 3:28 Uhr war es geschafft, ein kleiner Junge glitt ins Wasser: „Unglaublich, da bist Du!“ Ich habe nichts weiter gedacht. Mein Körper war zittrig vor Anstrengung, aber ich ruhte in mir. Glückseligkeit ist vielleicht ein passendes Wort. Sie legten mir dieses winzige Wesen auf die Brust, während ich noch ein wenig an der Nachgeburt arbeitete. Als diese geboren und für vollständig erklärt wurde, beglückwünschten uns die beiden Hebammen. Danach fuhr meine Hebamme nach Hause. Der Scheidenriss ersten Grades musste noch genäht werden. In dieser Zeit lernten sich Vater und Sohn kennen. Mein Mann war erst unsicher wie er das Neugeborene halten sollte – ein Menschlein ohne Körperspannung, so zart und zerbrechlich wirkend. Wir genossen es, in Stille unser Kind kennenzulernen, es zu betrachten und zu liebkosen.

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Auf dem Operationsstuhl fiel mir ein, dass wir ja noch zwei Karten für die Oper hatten. Darüber konnte sich die Diensthabende Hebamme mit ihrem Mann freuen. Wir hatten nur noch Sinn für unser zahnloses Wunder.