Wurzeln und Flügel


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Wie ich zu Windelfrei gekommen bin

Vor der Geburt meines ersten Sohnes
Von Windelfrei hatte ich zwar gehört, konnte aber nicht glauben, dass Neugeborene ein angeborenes Bedürfnis nach Sauberkeit haben, sich abhalten lassen und auf Kommando sich entleeren. Das allgemeingültige Konzept „Babys können ihre Ausscheidungen nicht beherrschen“ saß tief in meinem Kopf fest. Also habe ich mich nicht weiter informiert. Als er geboren war, konnte ich beobachten, dass er sein großes und kleines Geschäft fast immer auf dem Wickeltisch machte. Ich dachte mir jedoch nichts dabei, denn Babys sollen ihre Ausscheidung ja nicht kontrollieren können… Zudem erklärte mir der Kinderarzt, dass das eine Art Kältereflex sei, der bei Jungs besonders ausgeprägt wäre. Als mein Sohn vier Monate alt war, traf ich eine Frau, die etwas mehr über Windelfrei wusste als ich. Sie sagte mir jedoch, jetzt sei es zu spät, da ich ihm sein angeborenes Sauberkeitsverhalten schon abtrainiert hätte. Ich nahm die Information hin und machte mit Wegwerf- und Stoffwindeln weiter. Für das nächste Kind nahm ich mir allerdings fest vor, mich im Vorfeld selbst zu informieren, auf die Ausscheidungen des Kindes zu achten und es mit Windelfrei auszuprobieren.

Nach der Geburt meines zweiten Sohnes… Windelfrei-Konzept zum Trockenwerden?
Wir – mein Mann war schnell überzeugt von dem Konzept – haben zeitgleich mit beiden Kindern angefangen abzuhalten. Anfangs hat es mit beiden gut geklappt, doch wenig später blockierte der Große plötzlich den Toilettengang und bestand auf seine Windeln. Ich wollte ihn zu nichts zwingen, also ließ ich ihn gewähren. Das Thema beschäftige ihn weiter, dadurch dass ich den Kleinen regelmäßig abhielt und mich freute, wenn das Abhalten geklappt hat. Circa drei Monate später sagte der Große relativ zuverlässig sein großes Geschäft an. Dann erzählte er mir im Nachhinein, dass er Pipi gemacht hat. Zwei Monate vor seinem dritten Geburtstag entschied er sich von heut auf morgen „Ich brauche keine Windeln mehr!“. Wir haben die Windeln dann tags und nachts weggelassen. Anfangs fühlte ich mich wohler mit einer Gummiunterlage auf seiner Matratze, doch bald konnte ich darauf vertrauen, dass nachts nichts daneben ging. Unfälle gibt es immer wieder mal tagsüber, vermutlich aus Spieldrang, doch im Großen und Ganzen klappt es richtig gut!

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Phasenweise
Beim Kleinen habe ich Phasen beobachtet, in denen es gut und weniger gut klappt. Eine Zeit lang wollte der Kleine nicht mehr abgehalten werden, also stellte ich ihn in die Badewanne. Als ihm das langweilig wurde, habe ich ihm das Töpfchen angeboten. Vor kurzem wollte er gar keine Windel mehr haben. Plötzlich entschied er sich wieder um und nutzt nur noch die Windel. Nicht zuletzt ist der „Abhalte-Erfolg“ auch abhängig davon, wie viel Energie ich fürs Abhalten übrig habe. Wenn ich selbst müde und gestresst bin, sorge ich lieber für mich und eine positive Grundstimmung in der Familie, als für eine trockene Windel.

Ganz praktisch?
Ganz praktisch sieht es bei uns zu Hause so aus. Der Wickeltisch steht im Badezimmer neben dem Waschbecken. Den Kleinen hielten wir anfangs immer übers Waschbecken, wenn wir ihn sowieso wickeln wollten. Die geeignete Position zeigte mir die Hebamme. Wichtig ist speziell bei Neugeborenen, sie nicht in den Kniekehlen festzuhalten, da es ein zu große Belastung fürs Becken ist. Sie brauchen Unterstützung durch Halten des Rückens, des Beckens und der Füße. (Bei uns großen geht es auch einfacher, wenn wir die Füße aufstellen können.) Ich informierte mich zusätzlich auf dem windelfrei Blog, durch Videos, artgerecht-Treffen, im Austausch mit anderen Windelfrei-Mamas und einen Windelfrei-Kurs. Irgendwann haben wir in bestimmten Lauten, Gesichtsausdrücken oder veränderter Körperspannung Anzeichen für ein bevorstehendes Geschäft vermutet und entsprechend am Waschbecken oder je nachdem was verfügbar war (Toilette, Töpfchen) abgehalten. Am besten klappte es nach dem Aufwachen und nach Gefühl.

Auswirkungen auf Gesundheit, Umwelt und Beziehung
Was sich auf jeden Fall am Füllstand unserer Mülltonne bemerkbar macht, ist der Windelverbrauch. Als der Große klein war, benötigten wir im Schnitt 8 (Minimum-Maximum 6-10) Windeln pro Tag. Ab ca. 1,5 Jahren durchschnittlich 5 (4-6) Windeln pro Tag. Mit Windelfrei brauch(t)en beide ca. 3-4 Windeln am Tag, wenn es sehr gut läuft auch weniger. Backups haben wir nicht benutzt, nur Wegwerf- und Stoffwindeln. Bei Windelfreikindern wird weniger Windeldermatitis vermutet. Bei uns war das leider nicht der Fall. Beide, unser herkömmliches Windelkind sowie bei unserem Windelfreikind hatten wir in den ersten drei Lebensmonaten große Probleme mit Wundsein und Pilzinfektionen. Luft und Licht, selbst Nystatin- und Zinksalben, haben nur bedingt geholfen. Nach drei bis vier Monaten hat sich nach meiner Meinung die Haut verändert und das Wundsein hörte auf. Durch Windelfrei habe ich meinen Kleinen von Anfang an als sauber und kompetent empfunden.

 


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Blogparade #Familienalbum: meine Geburt in den 70ern

Kaum per Kaiserschnitt geboren, wurde ich gewaschen, vermessen, angezogen und ins eigene Bettchen gelegt. Rooming-in war noch nicht so verbreitet. Zum Glück gab es so schicke Armbändchen, damit man nicht vertauscht wurde.

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Meine Mutter erzählte, dass eine Begleitung durch Hebammen leider nicht verbreitet war. Unter anderem fürs Stillen hätte sie gut Hilfe gebrauchen können. Aus Angst, dass ich es nicht schaffe, gab es das Fläschchen.

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Aus mir ist trotzdem etwas geworden. Dennoch wünsche ich mir, dass der Berufsstand der Hebammen erhalten bleibt und gefördert wird. Sie sind wichtig bei der Vorbereitung auf die Geburt, der Geburt selbst, Nachsorge, Stillen und Säuglingspflege. Mütter sollen die Wahl haben können und nicht aus Angst heraus handeln müssen.

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Mütter – drei Generationen.

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Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade #Familienalbum: unsere Kindheit der 70er und 80er Jahre von Frau Mutter.


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Wie unser Leben reicher wurde

Eiliger Einling, zweites Kind, 2013

Unser zweites Kind hatte es eilig, auf die Welt zu kommen. Bereits acht Wochen vor dem errechneten Termin kündigte er sich durch vorzeitige Wehen und spürbaren Druck auf den Muttermund an. Ich war sehr besorgt. Zwar wusste ich, dass dank der modernen Medizin viele Frühchen heutzutage überleben. Jedoch wusste ich auch, dass viele Frühchen später Probleme mit Augen und Lunge bis hin zu manchen Behinderungen haben. Eltern haben kein Recht auf ein gesundes Kind, trotzdem wünschte ich mir für unser Kind den bestmöglichen Start ins Leben. Während die Frauenärztin meinte, das Kind wäre schon fast reif, ich solle mir keine Gedanken machen, riet mir meine Vertretungshebamme (meine eigentliche Hebamme war zu der Zeit für mehrere Wochen in Urlaub) zu strikter Bettruhe. Aus oben genannten Gründen und weil ich mein zweites Kind unbedingt zu Hause entbinden wollte, hielt ich mich an den Rat der Hebamme. Die Großeltern betreuten den Großen in dieser Zeit. Und ich schloss einen Vertrag mit dem Kleinen ab, dass er selbst aussuchen darf, wann er kommen will. Dafür soll er nur noch bis mindestens zur 37+0 Schwangerschaftswoche warten.

Die 37+0 kam und ging, ohne dass etwas passierte. Die 38+0 kam, ich hatte immer mal wieder Vorwehen, die nach spätestens 45 Minuten verschwanden. An 38+3 trafen meine frisch vom Urlaub zurück gekehrte Hebamme und ich uns zum Vorsorgetermin. Am selben Abend besuchte ich den Geburtsvorbereitungskurs, den ihre Vertreterin leitete. Ich witzelte zum Abschied, dass ich mich bei ihr melden würde, wenn das Kindchen sich am Wochenende auf den Weg machen sollte, denn meine eigentliche Hebamme hatte ihr dienstfreies Wochenende. Sie sagte lächelnd: „Du siehst nicht so aus, als würdest Du in den nächsten Tagen Dein Kind gebären.“. Der Satz kam mir bekannt vor. „Na, sag das lieber nicht. Das meinte Deine Kollegin auch zu mir am Tag, bevor mein erstes Kindchen kam.“

Am folgenden Morgen, ich schlief die ganze Nacht schon unruhig, wurde ich um kurz vor fünf Uhr von ersten Wehen geweckt. Ich ging ins Badezimmer, um Mann und Kind mit meinem Tönen nicht zu stören. Irgendwie dachte ich über eine Stunde, dass das bestimmt Vorwehen seien, die auch wieder verschwinden würden. Gegen sechs Uhr weckte ich meinen Mann und informierte ihn über meinen Zustand. Er fragte schlaftrunken: „Wehen, was soll ich denn jetzt machen?“ Bei klarem Kopf erinnerte er sich daran, dass er Hebamme und Kinderbetreuung organisieren könnte. Wenn nur die Hebammen ans Telefon gingen… Ich war zu beschäftigt, um mich aufzuregen. Doch mein Mann war in dieser Situation ganz schön nervös. Verständlicherweise. Die Hausgeburt war mein Wunsch gewesen, aber ohne fachliche Hilfe für den Notfall hatten wir uns beide das nicht gedacht. Zum Glück hatte unsere Hebamme wie sie selbst sagte eine Eingebung. Sie war früher auf als gewöhnlich aufgestanden, sah, dass ihr Handy nicht funktionierte und auf ihrem Anrufbeantworter vom Festnetz, dass wir angerufen hatten. Sie rief uns zurück und erklärte, dass sie sich gleich auf den Weg machen würde. Gegen sieben Uhr trafen Hebamme und Kinderbetreuung gleichzeitig ein. „Wenn dein Großer weg ist, kannst Du gleich richtig loslegen!“ feuerte sie mich freudig an. Ich war von der kurzen, anstrengenden Nacht einfach nur müde und wollte mich nochmal hinlegen, bevor es zum Endspurt ging. Das tat ich dann auch im verdunkelten Schlafzimmer mit schönem, rötlichem Licht einer Salzkristalllampe – für die Dauer von genau zwei Wehen.

Plötzlich wurde der Schmerz so stark, dass ich nicht mehr länger liegen konnte. Mein Mann hatte bis jetzt alles aus der Ferne mitgehört. Die Veränderung bekam er mit und gesellte sich still zu uns ins Schlafzimmer. Ich kniete mich vor das Bett, wie meine Hebamme vorschlug. Das war jedoch nichts für mich. Ich hielt mich lieber an der Kommode fest und ging in die Hocke. Vermutlich habe ich an dieser Stelle einen kleinen Filmriss. In meiner Erinnerung platzte kurz darauf die Fruchtblase. Ein warmer Schwall ergoss sich über meine Beine und den mit Malervlies abgedeckten Fußboden. Eine heftige Wehe später guckte der Kopf raus. Noch eine heftige Wehe später plumpste das neue Menschenkindlein auf den Boden. Um 8:15 Uhr.

Lange habe ich auf ihn gewartet, drei Stunden hart gearbeitet. Und doch konnte ich es nicht fassen: er ist da. Erstmal konnte ich ihn nur staunend in Stille betrachten.

Das hätte ich auch noch länger gemacht, wenn meine Hebamme nicht gesagt hätte: „Du kannst ihn hochnehmen, er ist fit!“ „Ja schon“, dachte ich mir, „aber wie denn? Er ist so winzig und glitschig.“ Irgendwie halfen mir mein Mann und Hebamme zusammen mit unserem neuen Menschenkindlein ins Bett zu kommen. Nach der Nachgeburt, U1 und Nähen verabschiedete sich die Hebamme. Das große Kuscheln konnte beginnen.

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Wie ich Mutter wurde

Mutter werden klingt ganz einfach. Nach mehr oder weniger Anstrengungen und Schmerzen macht es PLUMPS – das Kind ist da und Du bist Mutter, oder?

Ich wurde nicht dadurch Mutter, dass ich ein Kind geboren habe. Mutter wurde ich in einem langen Prozess. Und es war und ist für mich die größte Herausforderung in meinem Leben. Hätte ich vorher gewusst, was alles auf mich zukommen würde – ich hätte mich vielleicht anders entschieden. Zum Glück wusste ich es nicht und das ist auch gut so.

Als große Belastung habe ich damals die Umstellung von einer größtenteils selbstbestimmten Vollzeitarbeit auf fremdbestimmte, gefühlte 24-Stunden-Dienste an sieben Tagen der Woche empfunden. Meine Freiräume waren bis zur Einführung der Beikost spärlich. Mein Großer hat die ersten sechs Monate relativ viel geschrien, zu viel für meine Ohren und Nerven. Des Weiteren habe ich ihn im Tragetuch getragen, bis ich nicht mehr konnte. Wenn ich ihn dann ablegte, hatte ich also ein schreiendes Baby und Rückenschmerzen. Unter diesen Umständen den Haushalt zu organisieren, war nicht einfach.

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Während der ersten Woche in bzw. mit unserem neuen Leben war meine Hebamme für mich die größte Unterstützung. Dann kam die Zeit der Ohrstöpsel und des Atmen Übens. Nach und nach entwickelte sich ein stabiles Netz aus Müttern mit gleichaltrigen Babys. Wir trafen uns regelmäßig, um gemeinsam etwas zu unternehmen oder sich über Windeln, wunde Popos, Schlafen und Beikost auszutauschen. Später haben wir gegenseitig die Kinder gehütet, um uns so mehr Freiräume zu erschaffen. Wir treffen uns heute noch, zwar nicht mehr in engmaschigen Abständen wie am Anfang, doch immer noch regelmäßig. Es ist schön, die Kinder aufwachsen zu sehen. Zu beobachten, wie aus Winzlingen kleine Persönlichkeiten werden. Ich bin dankbar, dass es meine Mamis gibt und dass ich mit ihrer Unterstützung leichter in meine Mutterrolle reingewachsen bin.

Mehr über Mütterteams gibt es hier zu lesen. Bei Facebook gibt es eine Plattform, die“ Mütterteams NRW“ heißt. Vielleicht gibt es das ja bald für jedes Bundesland…


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Wie unser neues Leben begann

Einling, erstes Kind, 2011

„Du siehst nicht so aus, als würdest Du in den nächsten Tagen Dein Kind gebären. Wahrscheinlich kommt es um den errechneten Termin herum.“ Mit diesen Worten entließ mich meine Hebamme aus der Vorsorgeuntersuchung. (Interessanterweise hörte ich den Satz ein zweites Mal einen Tag vor der Geburt meines zweiten Kindes. Doch das ist eine andere Geschichte.) Daraufhin entschloss ich mich, meine Ungeduld abzulegen und die Zeit bis dahin noch mal richtig zu genießen. Ich verabredete mich mit Freunden und kaufte Karten für die Oper.

Am nächsten Morgen im Café bei einem spontanen Frühstück mit zwei Freundinnen hatte ich ein ungewöhnliches Gefühl im Schlüpfer, maß dem jedoch keine Bedeutung bei. Im Nachhinein betrachtet, muss zu diesem Zeitpunkt der Schleimpfropf abgegangen sein. Abends zu Hause, fühlte ich mich plötzlich mit dem Läuten der 20-Uhr-Nachrichten inkontinent. Da es relativ viel Flüssigkeit war, die stetig aus mir heraus floss, habe ich mich an die Möglichkeit des Vorzeitigen Blasensprungs erinnert und sofort die Hebamme angerufen. Glücklicherweise hatte ich tags zuvor den Rufbereitschaftsvertrag mit ihr abgeschlossenen. Sie wollte um 22 Uhr zu uns nach Hause kommen. Die Zeit bis dahin konnte sich keiner von uns zukünftigen Eltern auf den laufenden Film konzentrieren. Wir waren voller Vorfreude, Aufregung und Ungewissheit, was uns in den kommenden Stunden erwarten würde. Ein bisschen wie Weihnachten und mündliches Examen zusammen. Wie angekündigt traf die Hebamme bei uns ein, untersuchte mich und setzte mir noch Akupunkturnadeln. Eine Stunde später verließ sie uns wieder, nicht ohne uns darauf hinzuweisen, dass wir uns am besten schlafen legen sollten. Falls in der Nacht nichts passieren sollte, müssten wir gut frühstücken und wegen des Infektionsrisikos am Morgen in die Klinik fahren.

Die Türe fiel ins Schloss. Stille. Wir legten uns ins Bett, doch an Schlafen war nicht zu denken. Die erste Wehe überrollte mich mit einer unvorhergesehenen Kraft. „Wenn das erst der Anfang ist, wie soll ich das überstehen!“ sagte ich zu meinem Mann. Vermutlich habe ich ihn damit ziemlich verunsichert. Wir hatten im Vorfeld viel diskutiert, weil ich möglichst selbstbestimmt, am liebsten im Geburtshaus oder zu Hause gebären wollte und ihm medizinische Sicherheit wichtig war und damit das Krankenhaus seine erste Wahl war. Als wir von dem relativ neuen, Hebammen geleiteten Kreißsaal erfuhren, waren wir beide dankbar und glücklich, dass es so etwas gibt, denn es war für uns die beste Alternative. Im Liegen konnte ich den Wehen nicht begegnen, also gingen wir ins Badezimmer. Dort begann ich zu tönen. Mein Mann stimmte mit ein, doch irgendwann störte mich alles, jeder Ton und jede Berührung. Ich wollte, ich musste allein da durch. Er konzentrierte sich von da an mehr auf die Stoppuhr, die er bereit gelegt hatte. Ich hatte kein Zeitempfinden mehr und befand mich in meiner Wehenwellenwelt. Ganz unerwartet entleerte sich mein Körper nach unten und oben. Für einen Moment trauerte ich dem arbeitsintensiven und teuren Bio-Spargel hinterher, den wir uns zum Abendessen gegönnt hatten und der nun langsam das Waschbecken hinunter floss. Doch mit der nächsten Wehe war ich wieder in meiner Welt.

Gegen ein Uhr veränderte sich mein Tönen unwillkürlich in einen kehligen Laut, durchaus hörbar für meinen Mann. Er rief die Hebamme an, die sich dies am Telefon anhörte und danach sofort zu uns fuhr. Eine kurze Untersuchung – „Ah, wie soll ich mich hinlegen? Mein Körper sagt mir etwas anderes!“ Aber es ging in einer Wehenpause dann doch. Nun wollten wir uns wie besprochen zusammen in den Hebammenkreißsaal begeben. Die Kliniktasche war gepackt und stand bereit. Normalerweise mache ich kein großes Aufheben um meine Kleidung, doch ich fragte: „Was soll ich denn anziehen?“ Als diese Frage geklärt war, stieg ich in das Hebammenauto ein und mein Mann fuhr mit unserem Auto hinterher. Es war eine schöne Fahrt durch den Wald, bis auf die Tatsache, dass ich nicht pressen durfte, denn die Hebamme wollte nicht, dass das Kindchen in ihrem Auto auf die Welt kommt. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Mich beschäftigte eher wie man etwas unterlassen soll, wenn man etwas nicht willentlich steuern kann? Auf dem Klinikgelände angekommen, nahm ich als erstes die großen Bäume und die kühle Luft der lauen Sommernacht im Frühling wahr. Wie schön die Welt sein kann!

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Der Weg in den Kreißsaal jedoch, erschien mir unendlich. Ein paar Stufen, helle Empfangshalle, Aufzug – was ist, wenn er stecken bleibt? Ach ja, meine Hebamme ist zum Glück dabei! – ein langer weißer Gang, endlich angekommen. Die Diensthabende Hebamme hatte schon, wie in der Vorbesprechung festgehalten, Wasser in die Gebärwanne eingelassen und begrüßte uns. Die Fachfrauen kannten sich und unterhielten sich kurz. Danach fragte meine Hebamme, ob es in Ordnung wäre, wenn sie dabei bliebe. Natürlich, gerne! Beide beobachteten mich eine Weile. Die Diensthabende bot mir die Wanne und danach unterschiedliche Stellungen an. Nach Wasser war mir im Moment nicht. Auf dem Gebärhocker wusste ich nicht wie ich mich halten sollte. Im Vierfüßlerstand ging es einigermaßen. Am wohlsten fühlte ich mich in der Hocke, ich musste einfach nur meinem Körper folgen. Ich spürte die Anwesenheit meines Mannes, auch wenn er nichts tat, war es gut, dass er da war.

Zwischendurch fragte die Diensthabende, ob die Hebammenschülerin an der Geburt als Statistin teilnehmen dürfte. Ich konnte nicht antworten, weil ich keinen Kopf für solche Fragen hatte. Im Endeffekt wäre es mir wahrscheinlich egal gewesen, doch ohne klare Zustimmung wurde die Hebammenschülerin nicht herein gelassen. Als zwischenzeitlich bei der Überprüfung der kindlichen Herztöne kein Signal zu finden war, blickte ich in drei besorgte Gesichter. Ich blieb seltsamerweise ruhig, denn ich war mir sicher, dass mein Kind lebt. Nach der nächsten Wehe war das Signal wieder da. Jetzt bot mir die Diensthabende noch mal an, in die Gebärwanne zu steigen. Ich gab meine Zustimmung und kletterte mit ihrer Hilfe rein. Das Wasser war mir jedoch viel zu warm. „Kälter, kälter, bitte kälter!“ rief ich. Bis sie meinte, dass es nicht kälter ginge, weil es sonst fürs Baby beim Austritt zu kalt werden würde. Nach einiger Zeit des Ankommens im Wasser wurde ich ungeduldig und wollte endlich mein Kind haben. Also presste ich mit vollem Körpereinsatz – Endspurt sozusagen. In den Wehenpausen bekam ich Wadenkrämpfe und wurde von den beiden Hebammen massiert. Eine rechts, eine links wie bei einem sportlichen Ereignis.

Um 3:28 Uhr war es geschafft, ein kleiner Junge glitt ins Wasser: „Unglaublich, da bist Du!“ Ich habe nichts weiter gedacht. Mein Körper war zittrig vor Anstrengung, aber ich ruhte in mir. Glückseligkeit ist vielleicht ein passendes Wort. Sie legten mir dieses winzige Wesen auf die Brust, während ich noch ein wenig an der Nachgeburt arbeitete. Als diese geboren und für vollständig erklärt wurde, beglückwünschten uns die beiden Hebammen. Danach fuhr meine Hebamme nach Hause. Der Scheidenriss ersten Grades musste noch genäht werden. In dieser Zeit lernten sich Vater und Sohn kennen. Mein Mann war erst unsicher wie er das Neugeborene halten sollte – ein Menschlein ohne Körperspannung, so zart und zerbrechlich wirkend. Wir genossen es, in Stille unser Kind kennenzulernen, es zu betrachten und zu liebkosen.

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Auf dem Operationsstuhl fiel mir ein, dass wir ja noch zwei Karten für die Oper hatten. Darüber konnte sich die Diensthabende Hebamme mit ihrem Mann freuen. Wir hatten nur noch Sinn für unser zahnloses Wunder.