Wurzeln und Flügel


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Besuch bei den Schwiegereltern

Draußen schneit es. Ich schwitze. Ich ärgere mich. Ich habe meine Badesachen vergessen. Jedes Jahr vergesse ich aufs Neue, dass meine Schwiegereltern im Winter heizen. Ordentlich heizen. So heizen, dass die Schokolade schmilzt. Alles an Kleidung, was nicht notwendig ist, lege ich ab. Nun sitze ich blos in Unterhemd und Jeanshose im Wohnzimmer und bemühe mich um Fassung. Doch die Hitze macht mich schläfrig… Wenigstens freuen sich die Kinder, dass sie endlich wieder in kurzen Sachen herumlaufen dürfen. Hochsommer im Winter. Schwiegermutti ruft mir zu, dass ich das Fenster öffnen könnte, falls mir warm wäre. Für die Vögel heizen? Das kann ich mit meinem ökologischen Gewissen nicht vereinbaren. Ich lasse das Fenster zu und döse auf dem Sofa ein.

Geweckt werde ich von heiteren Matrosenklängen, die sich vor Madagaskar an einer Buddel voll Rum erfreuen. Die Melodie passt allerdings eher zu dem Kinderlied: Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Ich überlege, ob ich außer den Badesachen noch etwas vergessen habe. Unsere Kreuzfahrt über das Kap der guten Hoffnung nach Indien zum Beispiel. Leider nein, ich befinde mich noch immer auf dem Sofa meiner Schwiegereltern.

Kuchenzeit. Ich bekomme zum Kuchen meinen vorab von Schwiegermutti gesüßten Tee mit den Worten: „Wenn Du ihn nicht süß haben willst, musst Du ja nicht umrühren.“ wie immer in der Katzentasse gereicht. Alle anderen, die Mitglieder der Ursprungsfamilie meines Mannes, trinken aus Tassen mit Hundebildchen drauf. Weil man sich unterhalten will, regelt Schwiegervati die Musik leise. Allerdings so leise, dass man keine Musik mehr hört, aber unterschwellig Geräusche wahrnimmt. Jedes Mal wenn ich die Geräuschkulisse, die bei zwei kleinen Jungs von sich aus gegeben ist, minimieren will, wird die Stereoanlage wieder angeschaltet. Nun werden Weihnachtsgeschenke verteilt. Der Geschenkeregen will nicht enden. Mich beschleicht der leise Verdacht, dass die fehlende Nähe durch Geschenke kompensiert wird.

Fürs Abendessen haben sich meine Schwiegereltern etwas ganz Tolles für uns ausgedacht. Mein Mann und ich sollen alleine Abendessen, während sie sich neben uns um die Kinder kümmern und zuschauen. Mein Mann und ich fühlen uns wie auf dem Präsentierteller. Die Kinder schreien, sie wollen auch vom Essen probieren. Die Angst ist groß, dass sie etwas Leckeres verpassen könnten. Auch wenn sie in den letzten zwei Stunden beim ausgiebigen Fernsehgucken mit Schokolade gefüttert wurden. Großeltern dürfen das bekanntlich. Das Ende von der Geschichte: unsere Kinder sitzen bei uns auf dem Schoß, werden von uns gefüttert (wie immer), Schwiegereltern sitzen daneben auf dem Sofa und geben wenig hilfreiche Kommentare.

In den vergangenen Jahren habe ich häufig versucht klar zustellen, was ich alles anders haben will. Habe versucht, meine Gefühle und Bedürfnisse zu erläutern. Habe mich weder gehört noch gesehen gefühlt. Bin auf Konfrontation gegangen. Alles mit dem Ergebnis: null Änderungen.

Dieses Mal habe ich mir vorgenommen, meine Schwiegereltern sein zu lassen. Ganz konnte ich meine Gedanken (s.o.) nicht abschalten. Doch die Stimmung war friedlich. Und ich bin froh, dass meine Kinder ein schönes Erlebnis zusammen mit ihren Großeltern und mein Mann und ich ein paar ruhige Minuten hatten. Meine Schwiegereltern sollen also meine Lehrmeister sein. Was kann ich für mich daraus ziehen?

– Nähe und Zeit sind mir wichtiger als Geschenke
– bei Entscheidungen (Musik, Heizung), die alle betreffen möchte ich teilhaben und teilhaben lassen
– Ressourcen will ich nach Bedarf verbrauchen
– ich möchte meine Kinder zu selbst verantwortlichen Menschen erziehen, sie selbst entscheiden lassen und die Konsequenzen übernehmen lassen (mein Auslöser: Zucker im Tee)
– gemeinsame Mahlzeiten sind mir wichtig als Rahmen um miteinander zu teilen, Nahrung einerseits und andererseits das, was einen bewegt

Und last but not least: das nächste Mal packe ich zusätzlich zu den Badesachen das Planschbecken mit ein.

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Dezembertraditionen

Im Schein der Kerzen unseres Adventskranzes lauschen wir dem „dam, dam dam dam dam dam, dum“ des Weihnachtsoratoriums von Bach. Selbstgebackene Plätzchen versüßen uns diese Tage. Ob der „schmückliche“ Christbaum nächstes Jahr wieder dabei sein wird? Mit zwei kleinen Kindern ein Experiment, bei dem ich es sicherheitshalber nicht wagte, echte Kerzen am Baum zu entzünden. Ich stelle mir den dazugehörigen Tannen- und bei der Gelegenheit auch den Kerzenduft vor. Ich rieche leider nichts. Denn seitdem wir zwei Kinder haben, nimmt unser Krankenstand im Dezember sein Maximum an.

Zwei Film-Klassiker warten auf uns: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und „Ist das Leben nicht schön?“ mit James Stewart von 1946. Dabei werde ich immer so melancholisch. Genau wie bei meinem Jahresrückblick. Jetzt noch ein Schlückchen von der Feuerzangenbowle – ach, nein – dem Kinderpunsch.

Alle Jahre wieder… versuche ich, das Singen von Weihnachtsliedern und Rezitieren von Gedichten anzuregen. Meist bleibt es bei meinen Erinnerungen an „Oh Du Fröhliche“ und „Der Zipfel, der Zapfel, der goldgelbe Bratapfel“. „Was hattet Ihr denn damals in der DDR für Traditionen im Dezember?“ frage ich meinen Mann. Er ist zwar getauft, doch außer mit Wissenschaftsgläubigkeit kann er mit Glauben nichts anfangen. „Wir verbrachten viel Zeit mit der Familie.“ Das ist das Wesentliche, finden wir beide.

Lust auf das Verfassen dieser Kurzgeschichte machte mir Bine von was eigenes mit ihrem Aufruf zu Shortstories.